6.5.09

Carinhall im Jahre 2009 - Eine Spurensuche





Das Jagdhaus Herrmann Görings im vollendeten Zustand.



Photo: www.bunker-kundschafter.de/Carinhall.htm





Dass durch die Wiedervereinigung Deutschland mit der Schorfheide eines der wildreichste Regionen Europas geerbt hat, hat sich zumindest in Jägerkreisen herumgesprochen.
Die Schorfheide wird heute als Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin bezeichnet und kann sich mit ihrem Wildreichtum, der Einmaligkeit der Landschaft und seiner schieren Größe mit allen Naturschutzgebieten der Welt messen.

Doch bei der historischen Erkundung dieses einmaligen jagdlichen Refugiums auf deutschem Boden stößt man unwillkürlich auch immer wieder auf die Spuren der neueren deutschen Geschichte.
Insbesondere der Teil der deutschen Geschichte, mit dem wir immer noch große Berührungängste haben, ist in der Schorfheide allgegenwärtig.

Ein besonderes peinliches Beispiel für die Verklemmtheit, mit der wir Deutschen unsere neuere Geschichte verdrängen, ist der Umgang mit der Geschichte des Jagdhauses der Nazigröße Hermann Göring.

Hermann Göring, sicherlich eine der schillernsten Figuren der Nazidiktatur, war nicht nur ein begeisterter Jäger und Naturmensch, sondern war auch krankhaft prunksüchtig, wie viele seiner despotischen Vorgänger. Dies führte dazu, dass er sich ein Jagdhaus in der Schorfheide errichten ließ, dass er nicht nur als Jagdhaus, sondern auch zur Selbstdarstellung und zur Unterbringung von geraubtem Kunstgut nutzte. Er nannte es "Carinhall", nach dem Vornamen seiner verstorbenen Frau und errichtete es in der Schorfheide bei Friedrichswalde.
Kurz bevor die sowjetischen Truppen die Schorfheide erreichten, wurde das Anwesen von einer Wehrmachtseinheit auf Anweisung Herrmann Görings gesprengt.

Eine sehr ausführliche Beschreibung Carinhalls kann man hier nachlesen.


Doch was findet man heute im Jahre 2009 an dem Ort, an dem der Prunkbau "Carinhall" einst stand?

Die Spurensuche erfordert tatsächlich pfadfinderisches Können, gepaart mit Neugier und einer gewissen Neigung zur Schüffelei, denn scheinbar sollen alle Spuren, die zum Ort der Stelle führen, getilgt werden.

Im kleinen Ort Friedrichswalde, von wo aus man Carinhall erreichen kann, existieren keinerlei Hinweisschilder. Erst nach mehreren Kilometern Fahrt über eine holprige Kopfsteinpflasterstaße der erste Hinweis:






















Doch dann die erstaunliche Entdeckung nur wenige Kilometer weiter:

Das Wort Carinhall ist auf dem Stein am nächsten Wegabzweig weiß übertüncht, nur der Pfeil und die Kilometerangabe zeigt, dass wir richtig sind.


Der Granitblock, an dem Carinhall weiß übertüncht wurde. Die Kilometerangabe 1,0 km wurde nicht entfernt und weist uns den Weg

















Wir erreichen das Eingangsportal mit beiden den noch existierenden Wachhäuschen und den danebenliegenden , noch bewohnten und gut erhaltenen Quartierhäusern des Wachpersonals.

































Weiter geht es über die ehemalige Zufahrt, die von einer doppelreihigen Kastanienallee eingefasst ist und heute als Waldwirtschaftsweg genutzt wird.























Als wir am Ende der Allee ankommen, ist dieser durch mehrere Findlinge versperrt und nur ein kleiner Pfad führt uns weiter.
















Doch an dieser Stelle trugen sich in den letzten Jahren sonderbare Dinge zu.
Beim Recherchieren im Internet stieß ich auf 2 Photos, die an exakt an der gleichen Stelle aufgenommen wurden.
Sie zeigen einen Gedenkstein mit der Aufschrift "Karinhall" , also der falschen schreibweise....















Photo: www.bunker-kundschafter.de/Carinhall.htm



...und einen Gedenktein mit richtiger Schreibweise mit "c"











Photo: www.bunker-kundschafter.de/Carinhall.htm



Die Stelle ist heute leer, nur die Tafel im Hintergrund mit Hinweisen der Forstverwaltung, mit der auf das Biosphärenreservat hingewiesen wird, steht noch. Nichts soll mehr den Besucher dieser Stelle darauf hinweisen, dass hier einst das Jagdhaus Carinhall stand.



Wir folgen dem Pfad und erreichen den ehemaligen Eingang Carinhalls.































Dahinter zwischen Fichten, Kiefern und Birken stoßen wir auf die Reste der Fundamente und Kellereingänge. Nur wenige Bewehrungseisen , Mauersteine und Betonreste sind vorhanden und beweisen, dass hier einmal ein Gebäude stand. Die zugeschütteten Kellereingänge nutzen Fledermäuse als Quartier.
















































































































Direkt dahinter der mittlerweile zugewachsene Blick auf den Großdöllner See.






























Der Versuch, den Ort des Jagdhauses Carinhall völlig zu tilgen, beweist, wie verklemmt wir noch mit unserer neueren Geschichte umgehen.
Welche Verklemmtheit auch noch 70 Jahre nach dem 3. Reich das Tun der Behörden bestimmt, zeigt ein Zeitungsbericht, den man hier nachlesen kann.

Man muss sich mit der Geschichte, auch ihren dunkelsten Seiten, beschäftigen. Eine Tabuisierung und gar Auslöschung ist der falsche Weg. Wenn man überhaupt aus der Geschichte lernt, dann sicherlich nicht dadurch, dass man sie leugnet.

Im Gegenteil:
Die aus der dadurch resultierenden Unkenntnis der Geschichte in der Gesellschaft entsteht ein Nährboden, den Ideologen für neue und vor allem eigenen Interpretationen der Geschichte zu nutzen wissen.

Ein diesmal nachdenkliches

waidmannsheil

Euer

stefan