15.4.07

Das Schwarzwild am Rande der Stadt


Es ist Ostersonntag am Nachmittag, als ich bei herrlichem Sonnenschein mit einem Jagdfreund nach einer Revierbegehung auf der Schnellstraße von Worms nach Bensheim unterwegs bin.

An der Abfahrt Bürstadt Ost, an der wir die Schnellstraße verlassen, die die Form einer Schleife hat, doziere ich: "Hier in den Abfahrtschleifen der Autobahnen steht oft Wild. Der Fuchs legt dort gerne seinen Bau an und Rehwild nutzt diese Schleifen gerne als Standort."

Wir biegen gerade in die Schleife ein, als mein Jagdfreund beim Blick in den Hang der Abfahrtschleife ruft:"Schau mal, da steht eine Sau" Ich erwidere:" Nein, das sind 2 Sauen, dahinter steht noch eine".

Ein Blick in den Rückspiegel, die Warnblinkanlage eingeschaltet und wir können den Geländewagen in der Ausfahrt abstellen. Wir können die Sauen, die kaum Kenntnis von uns nehmen, bei ihrem Mittagsspaziergang entlang der Schnellstraße beobachten. Erst als ich aussteige und mich über die Leitplanke lehne, um die mitgeführten Frischlinge zu zählen, verschwinden Sie im dichten Bewuchs der Abfahrtschleife. Mit einem interessanten Anblick endet dieser Jagdtag.

Doch die Frage, woher die Sauen kamen, lässt mir keine Ruhe, zumal die Abfahrt direkt an der Siedlungsgrenze der Stadt liegt. Einige Tage später will ich der Frage nachgehen und will, als Spaziergänger "getarnt", das Gelände neben der Abfahrt erkunden.

Aus der Stadt kommend, die Autobahnbrücke überquerend, erreiche ich eine kleine Siedlung. Eine übergroße Schallschutzwand reduziert den ohrenbetäubenden Lärm der Schnellstaße auf ein erträgliches Maß. Nach Durchschreiten der Siedlung tauche ich in den Wald ein und halte ich mich streng 50-100 Meter parallel zur Schnellstaße. Dies ist nicht schwer, da man nur dafür sorgen muß, dass sich der Lärm auf einem Niveau hält, der ein Gespräch kaum möglich macht.

Schon 100 Meter nach dem Verlassen der Siedlung knickt der Trampelpfad der "Hundeausführer", dem ich parallel zur Schnellstraße folgte, von der Schnellstraße ab und ich betrete einen dichten verwahrlosten Altholzbestand. Es brauche keine 100 Meter zu laufen und stehe vor einer übergroßen Suhle mit zahlreichen Mahlbäumen. Zur Schnellstraße sind es etwa 100 Meter. Der Altholzbestand, in dem ich nun stehe, wurde weit über 10 Jahre nicht mehr durchforstet und uralte abgestorbene Bäume bedecken den Waldboden. Das Areal erinnert mich mehr an den Futterplatz eines Sauparkes, als an einen Wald in Siedlungsnähe, so sehr wurde von den Sauen im Waldboden gebrochen.

Das Weiterlaufen parallel zur Schnellstraße fällt mir nicht schwer, ich nutze einfach die Wechsel des Schwarzwildes, die hier die Dimension von Trampelpfaden haben und erreiche eine mehrere Hektar große Kultur mit einer ca. 20 Jahre alten Eichen-Anpflanzung, die im Bodenbereich mit Bärengras bewachsen ist. "Hier stecken sie also!" denke ich, gehe in die Knie, um entlang der schnurgeraden Anpflanzungen das Ende der Kultur zu erkennen. Aber es sind mehrere 100 Meter und die Pflanzreihen verlieren sich in der Ferne.

Ich ändere die Richtung, laufe entlang der Kultur einige Meter weg von der Schnellstraße und erreiche eine Schneise, die durch die Kultur führt. Einem starken Wechsel auf der Schneise folgend, bewege ich mich wieder parallel zur Schnellstraße. Der Boden gleicht einem Sturzacker, kaum ein qm blieb in den letzten Wochen von den Sauen verschont. Nach ca.100 Metern erreiche ich eine Ansammlung von mehreren Kesseln, wie ich sie in dieser Menge bisher noch nie gesehen habe. Ich verlasse die Schneise, um die Kessel genauer zu untersuchen, als plötzlich der Boden zu beben scheint. Ein halbes Dutzend Bachen habe ich hochgemacht, die aber nicht flüchten, sondern mich blasend und abwartend mit ihren Frischlingen in 30 Meter Entfernung beäugen.

Ich orientiere mich und stelle fest, dass ich mich ca.150 Meter von der Schnellstraße, aber genau auf Höhe der Abfahrt bin, an der ich am Ostersonntag die Sauen erstmals beobachtete. Zur Siedlungsgrenze der ca. 10.000 Einwohner zählenden Stadt Bürstadt sind es etwa 400 Meter, eher weniger.

Durch die immer noch starke Geräuschkulisse der Schnellstraße an dieser Stelle haben die Bachen mich nicht kommen hören. Aber meine Anwesenheit scheint sie nicht wirklich zu beunruhigen. Denn als ich mich über die Schneise zurückziehe, über die ich gekommen bin, um die Eichenkultur - die Kinderstube der Sauen - nicht weiter zu stören, nehmen sie das gelassen hin und bleiben stehen. Ich umschlage die Eichenkultur weiträumig.

Als ich nach dem Umschlagen der Kultur die Schnellstraße fast wieder erreicht habe, sehe ich nur 30 Meter in der Kultur eine Bache liegen. Munter jagen 6 Frischlinge um sie herum. Anstalten der Flucht zeigt sie keine, sie bleibt liegen und beobachtet aufmerksam, wie ich mich zügig entferne.

Unser Wild ist schon lange in unseren Städten angekommen und hat sich die Stadtrandlagen als Einstände zurückerobert. Dass ich auf meinem Spaziergang keinerlei Hochsitze und andere Reviereinrichtungen vorfand, beweist mir, dass diese Erkenntnis bei vielen Jägern noch nicht angekommen ist, bzw. es bisher wenige Erfahrungen gibt, wie man die Sauen in direkter Stadtnähe bejagt.


Waidmannsheil


Euer

Stefan

1 Kommentar:

Lukas Loewe hat gesagt…

Hallo!

Seit vielen Jahren fahre ich mit dem Auto die A44 und mit dem Zug von Köln nach Bremen.
Auf beiden Strecken sehe ich stark zunehmend Rehwild.
Sicherlich hilft die Übung eines Jägers, um an den "richtigen" Stellen zu schauen. Aber selbst Mitreisenden ist aufgefallen, wie viel Wild man dort sehen kann.
Ich stimme also dem Artikel zu:
Jäger, jagt!