27.5.07

Ist das aktive Jagen und die moderne Ehe überhaupt noch miteinander vereinbar?

Als in den letzten Wochen überall in Deutschland die Kreisjägerschaften tagten, wurde wieder über das Problem Nachwuchs diskutiert. In vielen Kreisjägerschaften macht sich aber auch Resignation breit. Hat man doch den Eindruck, alle Bemühungen der letzten Jahre, den Altersdurchschnitt zu heben, blieben ohne großen Erfolg.

Nun scheinen die Vorstände in unseren Kreisjägerschaften in den letzten Jahren nicht gerade von einer Verjüngungskur erfasst worden zu sein, im Gegenteil: Bei vielen Kreisjägerschaften fühlt man sich, bei der katholischen Kirche zu sein; dort beginnt die Karriere auch erst weit jenseits der 70.

Dies wäre weiter nicht schlimm, stehen ältere Führungskader als Bewahrer von Traditionen für Beständigkeit, was für das deutsche Waidwerk durchaus wichtig ist.

Nun wissen diese Vorstände allerdings wenig vom Wandel, der sich in deutschen Ehen in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat. Als die heutigen Vorstände unserer Kreisjägerschaften noch jung waren, war die Ehe in Deutschland sehr einfach strukturiert: Die Frau kümmerte sich um die Kinder, dies natürlich 7 Tage die Woche und der Mann ging arbeiten. Zerstreuung nach der anstrengenden Arbeitswoche suchte er bei der Jagd. Dies war auch sehr einfach, schließlich gab es für Hausfrauen kein freies Wochenende. Deshalb kümmerte sich die Frau auch am Wochenende um die Kinder, während der Vater zur Jagd ging.
Wie sagte der Vater meines Klassenkameraden so schön zu seiner Frau, wenn er am Wochenende zur Jagd fuhr:

"Du hast die Möbel in die Ehe mitgebracht, jetzt pass auch drauf auf, wenn ich zur Jagd bin", stieg ins Auto und verschwand bis Sonntagabend.

Diese, für den jagenden Ehemann durchaus praktische Arbeitsteilung in der Kindererziehung, gehört endgültig der Vergangenheit an und dies ist auch gut so.

Der Vorstand einer Kreisjägerschaft, der sich ausschließlich aus Mitgliedern dieser Generation zusammen setzt, kann sich leider nicht vorstellen, auf welchen Widerstand ein jüngerer Mann stößt, der sich einfach zur Jagd in den Wald verabschiedet.

Nicht nur, dass die heutigen Ehefrauen ebenfalls das Recht des Geldverdienens einfordern, sondern auch die gemeinsame Erziehung der Kinder wird eingefordert. Und wenn der Mann dann die Woche über geschäftlich außer Haus war, so ist es selbstverständlich, dass er sein Erziehungsdefizit am Wochenende nachzuholen hat, damit die Ehefrau ihr gleiches Recht der Erholung genießen kann.

Wenn sich nun ein junger Ehemann zum Jagen entschließt und sich im Vorfeld nicht bewusst ist, welche hohen zeitlichen Anforderungen von einem Revierpächter an ihn gestellt werden, kann hier eine moderne Ehe schnell auf eine harte Zerreißprobe gestellt werden.

Fordert er vom Revierpächter aber mehr Rücksicht auf seine Ehe, so erntet er hier oft nur Kopfschütteln, schließlich sind die meisten Revierpächter jenseits der 60 und können sich gar nicht vorstellen, dass heute junge Ehefrauen bei der Freizeitgestaltung der Ehemänner mitreden dürfen.

Eine überalterte Kreisjägerschaft, bei der das Jagen noch weitestgehend ein Monopol der Familienväter war, kann sich von einer modernen Ehe, wie sie jeder junge Mann heutzutage führt, wenig Vorstellungen machen.

Das Besetzen einiger Vorstandsposten mit jungen Männern und Frauen wäre hilfreich, die Probleme der Verknüpfung von Familie und Freizeit in der heutigen Zeit zu erkennen. Zudem müssen die Ehefrauen der jagenden Männer in den Jagdbetrieb mit integriert werden, das Thema zu tabuisieren oder gar diese Jäger auszugrenzen ist der falsche Weg.

Der fehlende Nachwuchs in der Jägerschaft ist deshalb auch auf eine überalterte Vorstandschaft zurückzuführen, die wegen fehlende Erfahrung wenig Verständnis für die Jäger mitbringt, die Rücksicht auf eine sich völlig gewandelte Arbeitsteilung in der Ehe nehmen müssen.


waidmannsheil

Euer

stefan

Kommentare:

MZ hat gesagt…

Unser "Verein" hat dafür eine einfache Lösung:

Der Vorstand umfasst 12 - 15 Personen. Jeweils drei stammen aus einer Altersgruppe von einer Dekade, also sind drei unter 30, drei 30-40, drei 40-50, etc.

Damit ist es uns in den letzten 10 Jahren gelungen, die Mitglieder unter 50, die unter chronischem Zeit- und Geldmangel leiden, durch "familienfreundliche" Veranstaltungen einzubinden.

Und Nachwuchsprobleme kennen wir seit dem nicht mehr.

Anonym hat gesagt…

Wenn sich die Ehe derart wandelt das die Frau am Wochenende frei hat weil der Mann Haus und Kinder hütet dann sollen doch bitte die jungen modernen Frauen zum Jagen in den Wald gehen damit das Durchschnittsalter sinkt.

Dieser "Rollentausch" müsst dann ja wieder frühere, paradiesische Zustände ermöglichen, oder doch nicht?

hans hat gesagt…

Interessante Überlegungen!
Was mir in meinem eigenen "Jagdbetrieb" auffällt: Die Jungen müssen beruflich und räumlich flexibel sein. Man kann nicht mehr damit rechnen rund um die Uhr jemanden mit vor Ort zu haben. Oft müssen die dann wegziehen.
Hans

Anonym hat gesagt…

Der Beitrag erfasst das Problem leider nicht vollständig.

Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen 14. Geburttag. Auf dem Gabentisch lag ein Drilling 16/16/9,3*72R.
Von diesem Tage an stiegen mein Vater und ich an jedem Wochenende ins Auto, um Sonntagabend mit Ruhm, Ehre, Fasanen und Feldhühnern bedeckt, wieder nach Hause zu kommen.

Wenn junge Familienväter Probleme haben, die notwendige Zeit zu erwirken, mögen sie gerne eine Kopie meines Beitrages zu Hause vorlegen.
Die Ehefrauen sehen herrlichen Zeiten entgegen, denn ist der hoffnungsvolle Sprössling erst in mannbarem Alter, hat Muttern im Jägerhaushalt an den Wochenenden dienstfrei bis zum Ende ihres Lebens.

Gruß
Heidjaeger