7.1.07

Der Ökojäger trägt Billigbluejeans!

Meine erste Treibjagd bei den Ökojägern

Auch nach über 30 Jahren des Jagens ist es heute immer noch eine besondere Freude für mich und mit Spannung verbunden, wenn ich eine Jagdeinladung in ein Revier bekomme, das ich noch nicht kenne.

So auch bei meiner ersten Internetjagdeinladung nach Mittelfranken, die mich am Freitagabend zuerst zu Andreas und Anke in die Nähe von Schwäbisch-Hall führte. Dort trafen sich dann einige Jäger, die sich über das Jagdforum wild-web.net kennengelernt hatten.

Die Freude war groß, als man sich erstmals persönlich gegenüber stand und ohne die üblichen Berührungsängste wurde sofort über das Jagen und die Hunde diskutiert.

Nachdem nach und nach alle Übernachtungsgäste eintrafen, gab es ein hervorragendes Chilli con Carne, das seinesgleichen sucht. Bis in die späten Abendstunden wurde erzählt und diskutiert und nur die Ermahnung, man müsse am nächsten Tag früh aufstehen, beendete die jagdliche Gesprächsrunde.


Liebe Jäger und Jägerinnen,
wenn ihr einmal das beste Chilli con Carne südlich des Mains essen wollt, herzliche Gastlichkeit zu schätzen wisst und unter echten Jägern und Jagdhundfreunden einen fröhlichen Abend verbringen wollt, so fahrt auf der B19 von Schwäbisch-Hall Richtung Süden, direkt hinter der ersten Brücke über den Kocher liegt rechts das Hofgut von Anke, Andreas und ihren 4 Hunden. Dort findet ihr all dies!


Früh am Morgen gab es ein üppiges Frühstück und danach fuhren wir weiter in die Nähe von Rotenburg ob der Tauber in den Kreis Ansbach.
Vor einem Hofgut in der Gemeinde Gunzendorf trafen sich Jäger und Treiber und gegen 9.00 Uhr begrüßte der Jagdherr seine Gäste. Nach der Begrüßung erklärte er, dass man es hier in seinem Revier mit der jagdlichen Kleiderordnung nicht so genau nähme und präsentierte stolz seine schon in die Jahre gekommene Billigbluejeans aus fernöstlicher Herstellung. Auch wies er darauf hin, dass alle anderen Jäger von der gelockerten Kleiderordnung Gebrauch machen könnten. Auf echte Begeisterung stieß diese Angebot dann aber doch nicht, denn kein einziger Jäger tauschte seine lieb gewonnene grüne Jagdhose gegen eine Billigbluejeans.
Danach begrüßte er den einzigen Ehrengast der Jagd, einen Funktionär des ÖJV, mit dem
Nachsatz, dass mit dieser Ehrung alle Jagdgäste auch auf die ökologische Gesinnung dieser Jagd schließen sollten. “Gesinnung? Welche Gesinnung?” schoss es mir durch den Kopf!

  • Wird hier etwa mit dem Wild der Abschuss basisdemokratisch ausdiskutiert?
  • Genießen antifaschistische Wildschweine ganzjährige Schonzeit und woran erkennt man ein Wildschwein mit dieser Gesinnung?
  • Sitzen Jäger mit der Gesinnung des ÖJV auf dem Hochsitz und stricken Socken aus Wolle aus dem Dritte–Welt-Laden?

All diese Fragen gingen mir auf dem Weg zum ersten Stand durch den Kopf, hatte Andreas doch mit keinem Wort die Teilnahme an einer Ökojagd erwähnt und somit wurde ich völlig unvorbereitet mit der Gesinnung von Ökojägern konfrontiert!

Der erste Stand, der mir zugewiesen wurde, war ein quadratischer Ansitzbock mit einer Höhe von 2,50 m ohne seitliche Abstützung und ohne Leiter. Vier Querholme zwischen 2 Eckholmen sollten dem Jäger das Aufbaumen ermöglichen. Das Alter des Ansitzbocks schätzte ich auf deutlich mehr als 15 Jahre. Als ich den linken Fuß auf den untersten Querholm setzte, neigte sich der Bock aus der Senkrechten deutlich nach links und strebte die Form eines Parallelogramms an!
Ist dies die typische Jagdeinrichtung des Ökojägers?
Die Angst, mit dem Sitz zusammenzubrechen, überwogen und ich zog mein Hartholzdreibein mit Ledersitzfläche dem “ökologischen Ansitzbock” aus Gesundheitsgründen vor und platzierte mein Dreibein neben dem Ökositz.

Nach einem kleinen Imbiss mit einem hervorragenden Schokoladenkuchen ging es dann zum 2.Treiben. Dort wurde mir eine Ansitzleiter als Stand zugewiesen. Auch diese Leiter hatte ihren notwendigen Abriss schon viele Jahre überlebt. Auch ihr Alter schätze ich auf deutlich über 15 Jahre. Die Tritthölzer, kaum 5 cm im Durchmesser schwach, gaben schon beim Drehtest mit der Hand deutlich in der Vernagelung am Leiterholm nach. Beim Blick auf die Sitzfläche in 4 m Höhe viel mir sofort der 1. Lehrsatz der Statik ein, der da lautet: ”Actio = reactio”, wobei die “action” für meine 2 Zentner Lebendgewicht steht!

Abermals richtete ich mich auf meinem Dreibein neben den Sitz ein und dankte meiner Mutter, die ihrem alternden Sohn vorsorglich zum 40.Geburtstag diese, streng nach den Unfallverhütungsvorschriften konstruierte jagdliche Sitzhilfe geschenkt hatte, die eigentlich nur betagten Jägern vorbehalten ist!

Als ich mich neben der Leiter eingerichtet hatte, betrachtete ich die altertümliche Jagdeinrichtung und dabei kam mir der Gedanke, ich könnte mich beim Anstellen verlaufen haben. Eilig kramte ich die allen Jagdgästen ausgeteilte Drückjagdstandkarte aus meinem Mantel und entfaltet dieselbige.

Mit Filzstift war meine Standnummer “1” im Lageplan eingekreist und in unmittelbarere Nähe hangabwärts müsste sich laut Karte ein kleiner Weiher befinden. Ich ließ den Blick schweifen und sah den Teich vor mir liegen. Ich war also am richtigen, mir zugewiesenen Stand. Dann wendete ich das Blatt und dort fand ich dann unter Punkt 2:

"Ansitzeinrichtungen sind vor dem Besteigen auf Sicherheit zu prüfen, Benutzung auf eigene Gefahr.”

Da war ich aber froh, auch ohne Lesen des Kleingedruckten richtig gehandelt zu haben und das auch noch völlig eigenmächtig!


In der Dämmerung fanden sich dann alle Jäger und Treiber am Ausgangspunkt der Jagd ein. Ich erfuhr, dass 9 Stück Rehwild gestreckt wurden und nur ein Reh kurz nachgesucht werden musste. Die Würdigung und das Ehren des erlegten Wildes durch Streckelegen und Verblasen derselbigen unterblieb genauso, wie das Überreichen von Brüchen an die Erleger. Hier biedert sich der Ökojagd dem allgemeinen Zeitgeist an und folgt dem Trend vieler Jagdgesellschaften, die das Ehren des erlegten Wildes durch den feierlichen und würdigen Ausklang der Jagd nicht mehr zelebrieren.

Danach ging es in einen typischen fränkischen Gasthof, der mit preiswertem, reichhaltigen und gutem Essen in gemütlichen Gasträumen der fränkischen Gastfreundschaft alle Ehre machte. Leider waren, wie seit einigen Jahren häufig auch auf anderen Jagden zu beobachten, noch nicht einmal die Hälfte der Jagdteilnehmer beim Schüsseltreiben anwesend.
Lobend gilt es zu erwähnen , daß alle Jagdgäste des Jagdforums wild-web.net vollständig und geschlossen am Schüsseltreiben teil nahmen.

Zusammenfassend ziehe ich nach meiner Teilnahme an der ersten Ökojagd nachfolgende Bilanz:


1.
Ökojäger sind präzise Schützen und sie jagen mit guten Hunden, ihre Jagd ist somit effizient und ökonomisch(!)

2.
Nicht jede ökologische Jagdeinrichtung ist der Gesundheit des Jägers dienlich.

Und 3.
Der echte Ökojagdherr trägt Billigbluejeans!


Verzeichnis von Bauplänen für Reviereinrichtungen:
Ausführliche Bauanleitungen mit Verlinkungen zu Bauplänen und Zeichnungen für Jagdleitern, Ansitzböcken, Schlafkanzeln und offenen Kanzeln haben wir unter "Reviereinrichtungen selber bauen" zusammengefasst.





Waidmannsheil

Euer

stefan

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Billig-Bluejeans - die Folge kritischer Auseinandersetzung mit überholten Formen elitärer Abgrenzung oder zeitgeistgerechte und bequeme Beliebigkeit im Schutz von Öko?
Gruß
MRvC

Anonym hat gesagt…

Nee, nur praktische Kleidung, besonders für selbst treibende Jagdherren ;-))
Torf

beta-blocker hat gesagt…

warum wird die "grüne klamotte " nicht ganz abgeschafft? Der Wald ist voller bunter outdoor-Sportler in bunten Outfit. Warum nicht auch der Jäger?

Anonym hat gesagt…

Der Wald ist voller bunter outdoor-Sportler in bunten Outfit. Warum nicht auch der Jäger?

Besonders seit die Jagdwissenschaft uns weismachen will, Rehe können rot nicht so gut sehen.

beta-blocker hat gesagt…

" Jagdwissenschaft uns weismachen will" ?? Ist doch belegt oder wird hier agiert nach dem Motto: Wild sieht grün nicht, basta das war schon immer so und das bleibt auch so?

Bernhard Müller hat gesagt…

Na, Glück gehabt, dass die Stücke nicht ohne Haupt am Streckenplatz lagen!

Denn, so wie ich es auf einer Jagd des "Ökologischen Jagdverbandes" erlebte und hörte, ... wir sind heute hier versammelt um Strecke zu machen, und es ist dem Bock eigentlich egal wann er stirb...
Und dies alles vor dem Mäntelchen des Schutzes der aufstrebenden Forstkultur.

Nur ein toter Indianer sei ein gute Indianer; fällt mir da spontan ein.

Fonsi hat gesagt…

In Österreich heißt Ökojagd zum beispiel Kühe erlegen,passiert in Niederösterreich.
Den Jagddruck verspühren offensichtlich nicht nur die Tiere!
Vielleicht fällt Kuh bei den Ökojägern auch unter Wildbrett?