11.1.10

Waidgerechtigkeit versus Verbandsdisziplin

Viel wurde geschrieben in den letzten Jahren über die Abschaffung der Jagdsteuer.
Da war die Rede von einer Bagatellesteuer, deren Eintreibung mehr kostet, als sie einbringt und auch von einer Neidsteuer, die man den überwiegend reichen Jägern getrost auf die Jagdpacht noch zusätzlich aufbrummen kann, schließlich trifft es ja keine armen Bürger.

Doch die Abschaffung der Jagdsteuer vollzieht sich auf eine Art, wie es viele Jäger anfangs nicht für möglich hielten:
Mühsame "Lobbyarbeit an der Basis" könnte man den Erfolg der vielen einzelnen Kreisjägerschaften nennen, die den Vollzug der Abschaffung der Jagdsteuer meldeten.

Und noch ein weiteres Phänomen wurde erkennbar:
Nicht die Drohung, das Wild aus Verkehrsunfällen nicht mehr zu entsorgen, verschaffte den Kreisjägerschaften den Erfolg, sondern mühsame Aufklärungsarbeit bei den Kreistagsabgeordneten. Schnell wurde klar, dass Jagdpächter zu sein, in erster Linie Pflichten bedeutet. Pflicht gegenüber der Natur. Wir Jäger pachten uns eben nicht einfach eine Jagd, um dort nach Herzenslust rumzuballern, wie wohl auch viele Kreisabgeordnete ohne es laut zu sagen, glaubten, sondern unser Tun ist geleitet von der Erhaltung unserer Landschaft und den dort lebenden Tieren, völlig gleichgültig, ob wir sie jagen dürfen oder nicht.

Natürlich wurde bei dieser Lobbyarbeit auf Kreisebene auch die Entsorgung und die oft auch damit verbundenen Nachsuchen und das Erlösen des qualvoll leidenden Tieres ins Feld geführt. Mir ist aber kein Fall bekannt, in dem unter Androhung der Verweigerung der Unfallwildbergung, also unter Zwang, etwas erreicht wurde.

Im Gegenteil: Die in der Abschaffung der Jagdsteuer erfolgreichen Kreisjägerschaften setzten auf Einsicht bei den Kreistagsabgeordneten, und das mit Erfolg.

Scheinbar setzen viele Funktionäre, die den Weg der Aufklärung gegenüber den Kreistaggsabgeordneten nicht gehen wollen, weiterhin auf Zwang. Man kann die Verweigerung der Wildunfallbergung durch die Jägerschaft aber durchaus auch als Erpressung auslegen, schließlich kommen bei Nichtbergung des Fallwildes erhebliche Kosten auf den Kreis zu und somit entsteht für den Kreis ein wirtschaftlicher Schaden.

Auch der Landkreis Uelzen setzt auf das Instrument des Zwangs. Unter dem Titel "Im Landkreis Uelzen eskaliert der Streit um die Jagdsteuer" beichtete das Jagdblog über den Aufruf der Kreisjägerschaft Uelzen, "sich kein Fallwild mehr anzueignen."

Doch dieser von der Kreisjägerschaft Uelzen mehrheitlich getragene Beschluss stößt bei den Mitgliedern nicht nur auf Gegenliebe, wie nachfolgender Leserbrief zeigt.

Der Verfasser sieht im Beschluss der Kreisjägerschaft einen Widerspruch zur Waidgerechtigkeit, schließlich lassen sich unsere Pflichten als Jäger nicht materiell mit der Jagdsteuer aufrechnen. Eine aus meiner Sicht durchaus nachvollziehbare Argumentation.

Der Leserbrief führte zu einer langen Diskussion zum Thema, an dem sich auch zahlreiche Nichtjäger beteiligt haben. Es zeigt, dass in dem Thema Abschaffung der Jagdsteuer mehr steckt, als die schnöde materelle Aufrechnung der Unfallbergung durch uns Jäger.

Hier der Leserbrief aus dem Onlinemagazin der Allgemeinen Zeitung Uelzen:

waidmannsheil

Euer

stefan


Waidgerechtigkeit ist große Verpflichtung
Zu "Das Wild bleibt liegen", AZ vom 23. Dezember:


Unsanft weckt mich der schrille Ton meines Telefons. "Guten morgen hier ist die Polizei. In ihrem Revier ist ein Wildunfall" Noch etwas schlaftrunken notiere ich mir die Kilometerangabe. Ein Reh soll dort liegen. Die Fahrt im Auto ist nicht lang. Langsam rolle ich den benannten Straßenabschnitt entlang. Aber ich sehe und finde nichts. Also auf den Seitenstreifen, Warnblinkanlage an und das ganze noch mal zu Fuß mit dem Hund kontrollieren. Mittlerweile zeigt der Berufsverkehr die pulsierende Hektik des beginnenden Arbeitstages. Keiner nimmt mich wahr.

Meinen Hund beirren die vorbeirauschenden Autos nicht. Ruhig sucht er an der langen Leine Quadratmeter für Quadratmeter des Straßenseitenraumes ab.

Dann bemerke ich sie. Zwei schwarze Streifen auf der Straße. Nicht sehr lang ist diese Bremsspur. Hier kann es gewesen sein. Aber mein vierläufiger Jagdhelfer scheint nichts zu finden. Oder doch? Nur wenige Schritte weiter betupft die Hundenase immer wieder einen bestimmten Bereich der kurzen Grasnarbe des Straßenrandes. Meine Augen finden nichts. Kein Haar, kein Schweißtröpfchen (Blut) oder sonst einen kleinen Hinweis auf ein Tier. Und dennoch findet mein Hund eben an dieser Stelle einen für mich unsichtbaren Wegweiser.

Ruhig und bedächtig zieht er mich an der Leine auf seiner imaginären Straße Meter für Meter fort. Durch ein kleines angrenzendes Waldstück, über einen verwachsenen Waldweg bis hin zu hohen Kiefern. Wo die Sonne ihr Kronendach bis auf den Waldboden durchdringt wachsen kleine Fichten. Plötzlich steht mein Hund. Schaut zu mir zurück, als wolle er mir sagen: Da!

Und dann sehe auch ich. Keine 10 Schritt vor uns am Fuße einer kleinen Fichte sitzt ein Rehkitz. Zwei dunkle Augen blicken uns ruhig an. Verdreht ragt aus seinem kleinen grazilen Wildkörper ein zertrümmerter Hinterlauf.

Ganz ruhig krümmte ich den Abzug meiner Waffe und bringe das zu Ende, was ungefähr 100 von dieser Stelle entfernt auf der Straße begonnen hat.

Und dass soll ich jetzt als Jäger nicht mehr tun?

Der Zeitpunkt hätte besser nicht gewählt sein können, mir diese Botschaft zu überbringen.

Am Tag vor Heilig Abend , für eine Zeit der Besinnlichkeit, der Einkehr und des Rückblicks!

Und sie kam mit der Allgemeinen Zeitung ins Haus geflattert, die Weissagung meiner Jagdoberen, wie ich mich als Jäger und Revierinhaber ab sofort verhalten sollte.

Würde ich dem folgen, müsste ich meine jagdliche Grundeinstellung verleugnen!

Diese basiert eben nicht auf finanziellen Wertschöpfungsberechnungen der Jagd.

Vielmehr entspringt sie meiner Begeisterung für die uns umgebende Natur mit ihrer faszinierenden Tierwelt.

Als Jäger habe ich (noch) das einmalige Privileg, Teile dieser Natur mit ihren Tieren anvertraut zu bekommen. Die Pachtung einer Jagd beinhaltet große Verantwortung mit Rechten und Pflichten, geschriebenen und ungeschriebenen. Alle samt findet dies Ausdruck in unserem Begriff der Waidgerechtigkeit. Er stellt das Wildtier in den Mittelpunkt unseres jägerischen Handwerks und gebietet, ja verpflichtet uns, achtungs- und verantwortungsvoll mit den uns anvertrauten Lebewesen umzugehen. Es ist eine Frage der jagdlichen Moral ob wir uns nur um die lebende Kreatur kümmern, oder sie auch im Tod nach unseren Grundsätzen behandeln l Und dabei spielt es keine Rolle, wer den Tod brachte.

Das kleine Rehkitz habe ich an einem verschwiegenen Ort in meinem Revier in den Kreislauf der Natur zurückgegeben.

Das möchte ich auch weiterhin so handhaben, weil ich mich verantwortlich fühle. Aber ohne die Mithilfe unserer Polizei, der Straßenverkehrsteilnehmer und aufmerksamer Spaziergänger wird mir das wohl schwerlich gelingen!


Rüdiger Wnuck Jagdpächter


Die Diskussion zum Leserbrief kann man ebenfalls im Onlinemagazin der Allgemeinen Zeitung Uelzen verfolgen.

Kommentare:

Hunsrückwilderer hat gesagt…

Hallo Stefan,

ich habe eine relativ strikte Haltung zum Thema Jagdsteuer. Diese dürfte weitestgehend mit der der Jägerschaft Uelzen übereinstimmen.

Allerdings haben mich Deine Worte, die mir außerordentlich gut gefallen haben, doch noch einmal ins Grübeln gebracht.

Allerdings scheint der Leserbriefschreiber etwas zu verwechseln. Denn es geht soweit ich den Beschluss der Uelzener Jäger verstehe nur um die Entsorgung von Fallwild. Das Nachsuchen von noch nicht verendetem Unfallwild ist ja nochmal ein ganz anderes Thema - und dürfte wegen § 22a BJagdG gar nicht zur Disposition der Jägerschaft stehen. Damit ist auch die Waidgerechtigkeit nicht mehr tangiert.

Wmh und beste Grüße....

Dr. Wolfgang hat gesagt…

Stefan,
interessant ist: der Deutsche Jagdrechtstag hat schon vor Jahren eindeutig nachgewiesen, dass die Jagdsteuer verfassungswidrig ist. Die wenigen Gerichte allerdings, die damit befasst waren, haben das hartnäckig ignoriert. Deshalb haben wir geraten, gegen jeden Jagdsteuerbescheid Rechtsmittel einzulegen - steter Tropfen höhlt den Stein; besser wär´s, die Unsinnigkeit dieser Steuer würde sich generell durchsetzen und die mühsame Durchsetzung des Rechts überholen.
Wolfgang Lipps
JUN.i Institut für Jagd Umwelt und Naturschutz