21.3.07

"Macht Eurem Namen Ehre und jagt!"

Seit heute hat das Jagdblog einen weiteren Gast-Autor. Dieter Köhler, diplomierter Landwirt und Sohn eines thüringischen Bauern ist zwar kein Jäger, aber seit Kindesbeinen mit seiner thüringischen Heimat, der Natur und der Landwirtschaft eng verbunden. Als freier Publizist wird er in Zukunft zu den Bereichen Land- und Forstwirtschaft hier im Jagdblog seine fachlichen und philosophischen Beiträge veröffentlichen. Anlässlich seines Erbes, das er nun in Form eines Waldstückes angetreten hat, hat er sich seine Gedanken über die Jagd und den Waldbau in der Zukunft gemacht.


"Macht eurem Namen Ehre und jagt"
Das Erbe meines Urgroßvaters
von Dieter Köhler

Es hallt ein Ruf wie Donnerschall durch Deutschland: „Die Nachkriegsgründer treten ab und die Erben werden reich.“ Ich erbte auch! Allerdings hat die Sache ein paar Haken. Ich erbte Immobilien – mittelbäuerlicher Grundbesitz aus Feld und Wald. In vollem Wissen der Probleme nahm ich an und entwickelte mittlerweile einen Wunsch an die Jäger. Das kam so:
Zu meinen „glorreichen Schätzen“, im südlichen Vorland des Thüringer Waldes gelegen, gehört auch ein Fleckchen von etwa 80a Fichtenreinbestand. Dieses Stück Land hat eine denkwürdige Geschichte.

Der Urgroßvater

Mein Urgroßvater pflanzte auf einem Hochplateau (500m) am Rande eines partiell noch vorhandenen Hochmoores diesen Fichtenreinbestand an. Dies geschah nach seiner Rückkehr aus dem Einigungskrieg von 1870/71 aus Frankreich. Er war damals ein junger Mann von 23 Jahren. Die Bäume gediehen hervorragend, weil es einer der wenigen Standorte war, die natürlicher Fichtenstandort im Mittelgebirgsvorland sind. Feucht und sauer ist er, in einem ansonsten von Kalkbuchenmischwald dominierten Umfeld. Außerdem ist die Lage gegen Wind geschützt, so dass die Windwurfgefahr gering war. Mein Urgroßvater pflegte diese Anpflanzung bis er 1936 in hohem Alter starb.

Der Großvater

Mein Großvater führte dieses Amt weiter, denn der Wald – die Sparkasse des Bauern – wurde ganz selbstverständlich gehütet. Mit Schrotsäge und Axt wurde jedem Käferbefall sofort begegnet und Feuer vernichtete auch den letzten, vom „Kupferstecher“ befallenen, Ast.

Der Vater

Mein Vater wollte Ende der sechziger Jahre den reifen Holzbestand ernten, welches ihm durch die Forstbehörden untersagt wurde. Deutsche Staaten wuchsen und vergingen im betrachteten Zeitraum ja wesentlich rascher als Bäume. Und der damals dort herrschende Staat hatte eine Nuance, die mit DDR bezeichnet wurde. Diesem Wesen gefiel es dann, eine Forstgenossenschaft einzurichten, der die Bäume 1974 dann zum Opfer fielen. Die Sparkasse des Bauern war damit geplündert und die Familie erhielt vom Ertrag „Null Komma Nichts“.
Als meine Mutter 1991 die Verantwortung für ihren Wald großzügig zurückerstattet bekam (natürlich ohne Entschädigung), sollte der nunmehrige Aufwuchs wieder durchforstet werden. Nach allem Geschehen konnte sie die Lust, ihre spärliche Rente derart zu investieren, leicht bändigen.

Der Sohn und der Enkel

Nach ihrem Tod musste ich mich aber nun dem Auslichten widmen. So wurde der 19jährige Sohn motiviert, eine Woche seines Urlaubs beizusteuern. „Du sparst dir die Gebühren für das Fitnessstudio!“ – war meine verheißungsvolle Aufmunterung. Der Schweiß rann dann wirklich in Strömen, denn die Arbeit war mindestens 10 Jahre überfällig.
Der Bestand war lange Zeit ein schönes Paradies für das Rehwild. Die angrenzende Wiese, deren Mitte ein Salzhaufen ziert, ist von vier Hochsitzen umstellt. Hier ist sicher schon Blut geflossen. Dennoch waren im Bestand ca. 95% der Bäume gefegt. Eine gewaltige Menge Bockshorn wurde dort schon gepflegt. Die Begehung der Laubholzbestände zeigte aber auch, dass keinerlei Naturverjüngung in den lichten Beständen zu sehen war. Die Schlussfolgerung ist klar: Wir haben keinen Wildbestand, sondern einen wilden Viehbestand aus Rehen und Hirschen.
Deshalb ist mein Wunsch an die Jäger:

„Macht eurem Namen Ehre und jagt!“

Den Wirtschaftswald einer agrarischen Gesellschaft zu Zeiten meines Urgroßvaters werden wir nicht mehr sehen. Dazu sind die gesellschaftlichen Umbrüche der letzten 150 Jahre zu tiefgreifend gewesen. Ein gesunder Mischwald ohne Vergatterungen wird einen gesunden Wildbestand tragen können. Doch ist der Waldumbau für die Waldbesitzer wirtschaftlich nur zu stemmen, wenn die Jagd auch funktioniert.

Euer

Dieter Köhler

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