20.2.10

Pirschbezirk versus Jagdverpachtung

Die Forstreformen in den Bundesländern haben in den letzten Jahren dazu geführt, den Wald in erster Linie unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu sehen. Nicht nur ein massiver Stellenabbau begleitete die Forstreformen, sondern auch die Frage nach effizienter Waldbewirtschaftung.
Kostenintensive Gatterung von Jungpflanzungen sollten durch Naturverjüngung ersetzt werden.
Doch diesem Konzept der "kostenfreien Neuanpflanzung" stehen hohe Wildbestände entgegen.

Insbesondere dort, wo der Holzeinschlag eine wichtige Einnahmequelle darstellt, rückt eine andere Wildbewirtschaftung in den Vordergrund.

Was hilft dem Waldbesitzer eine hohe Jagdpacht, wenn er das Geld aus dieser Jagdpacht direkt wieder in Investitionen zur Verbissverhinderung (Gatterung) ausgeben muss?

Bad Münstereifel im Landkreis Euskirchen verfügt nicht nur über exklusive Hochwildjagden, die bei einer Verpachtung immer hohe Pachtpreise erzielten, sondern auch über ertragreiche Waldflächen. Die Nähe zu Köln und Düsseldorf sorgt für solvente Pächter.
Doch unter dem Druck der Forstreform, die eine effiziente Forstbewirtschaftung forderte, wurden mehrere Jagdbezirke in Pirschbezirke umgewandelt und der Forst übernahm die Kontrolle über die Bestandsreduzierung.

Mit Erfolg: Die völlig überhöhten Wildbestände wurden auf ein erträgliches Maß reduziert, die (kostenlose) Naturverjüngung setzt sich durch und ersetzt die (teure) Gatterung.

Nun wollen viele Jäger das Rad zurückdrehen und fordern die Abschaffung der Bejagung durch Pirschbezirke und eine erneute Einrichtung von Jagdbezirken mit einer Verpachtung auf 12 Jahre.

Der Fall Bad Münstereifel zeigt deutlich, wohin es führt, wenn Jagdpächter und Forst es nicht schaffen, eine einvernehmliche Lösung bei den Abschüssen zu erzielen.

Allen Jagdpächtern muss klar sein. dass nur eine Zusammenarbeit mit dem Forst ein Fortbestand der Bejagung durch Revierverpachtung ermöglicht.
Das Argument der Jagdpacht als Einnahmequelle des Waldbesitzers ist nicht stichhaltig, insbesondere unter dem Aspekt fallender Jagdpachtpeise. Der Grundbesitzer, auch an einem Ertrag aus Waldbewirtschaftung interessiert, sucht im Zweifelsfalle eigene Wege der Wildbewirtschaftung, um seine Kosten der Waldbewirtschaftung zu reduzieren.

Insbesondere dann, wenn die Bejagung durch Pirschbezirke eine effizientere Bewirtschaftung hervorbringt, wird es schwer, das alte Konzept einer 9 oder gar 12 jährigen Verpachtung argumentativ zu untermauern, wie das Beispiel Bad Münstereifel zeigt.

Von der Diskussion "Jagdverpachtung versus Pirschbezirk" in Bad Münstereifel berichtet das Onlinemagazin des Kölner Stadtanzeigers:

waidmannsheil

Euer

stefan




Protest gegen „feudalähnliche Jagd“
Von Günter Hochgürtel, 19.02.10, 16:48

Pirschbezirk-Jäger und manche Forstleute sind gegen Verpachtungen im alten Stil. Die CDU will strengere vertragliche Auflagen, um effektive Abschussquoten zu garantieren.

Bad Münstereifel - Der Stadtwald gehört zweifellos zu den wertvollsten Besitztümern Bad Münstereifels. Die ausgedehnten Eichen- und Buchenwälder ringsum die Kurstadt sind als Naherholungsreservoir quasi unersetzlich. Weshalb die städtischen Förster auch darum bemüht sind, die Bestände möglichst gesund zu erhalten. Aus diesem Grund wurden vor einigen Jahren im Mahlberger Beritt so genannte Pirschbezirke eingerichtet, in denen unter der strengen Kontrolle der Förster gejagt wurde.

Das führte dazu, dass die zuvor festgestellten massiven Schäl- und Verbissschäden, die durch eine wesentlich zu hohe Rotwild-Population verursacht worden waren, nachweisbar zurückgingen. Die vom damaligen Forstdirektor Michael Tietmeyer forcierte Naturverjüngung des Waldes konnte endlich gedeihen. So weit, so gut. Doch kaum ist Tietmeyer in den verdienten Ruhestand gegangen, gibt es Unruhe in der Jägerschaft. Es gibt Bestrebungen, die etwas mehr als ein halbes Dutzend Pirschbezirke (60 bis 80 Hektar groß) wieder in zwei bis drei größere Reviere umzuwandeln. Diesen Vorschlag hatte die CDU in der letzten Forstausschusssitzung gemacht.

„Ich kann so etwas nicht verstehen. Bisher haben sich die Pirschbezirke doch bestens bewährt“, erklärte Rüdiger Heiden im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Der pensionierte Steuerberater ist einer der Jäger, die in den letzten Jahren in den Pirschbezirken der Stadt Bad Münstereifel dafür gesorgt hatten, dass die Wilddichte auf ein für den Wald verträgliches Maß reduziert wurde. In einer Pressemitteilung äußerten sich Dr. Rolf Baldus, Peter Bernards, Matthias Bohnen, Franz Lessmann, Christoph Kruppa, Ralf Lingscheidt und Hannes Siege zu den Plänen, die Reviere für eine Laufzeit von neun Jahren neu zu verpachten.

Diese Jäger sprechen sich natürlich klar und deutlich dafür aus, dass die Pirschbezirke weitergeführt werden. „Jagdpächter und Eigenjagdpächter gaben öffentlich zu, dass Rotwild extra für Drückjagden angefüttert werde, damit nachher viel Wild auf der Strecke liegt. Am Holzertrag sei man nicht interessiert“, heißt es in der Pressemitteilung wörtlich. Selbst Fachzeitungen wie die „Pirsch“ berichteten seinerzeit vom „Eifelzoo“ auf den Mahlberger Höhen, wo man auf einer Wiese bis zu 100 Stück Wild antreffen konnte.

„Wir haben uns an die mit den Förstern vereinbarten Abschusszahlen gehalten“, betonte Rüdiger Heiden. Während in umliegenden Revieren teilweise hohe Bußgelder wegen Verstößen gegen die Fütterungsverordnung verhängt worden seien, habe es in den Pirschbezirken keinerlei Beanstandungen gegeben. Heiden und seine Mitstreiter befürchten, dass es nach einer Neuverpachtung der Reviere wieder die gleichen Probleme geben wird wie vor der Einrichtung der Pirschbezirke.

„Das ist Unsinn. Wir sind doch auch daran interessiert, dass möglichst wenig Schäden am Wald entstehen“, erklärte Ludger Müller-Freitag, stellvertretender Bürgermeister und Mitglied der CDU-Fraktion. Er ist selbst Jäger und kennt sich in dem Metier aus. „Wir haben ein Problem, zu erkennen, nach welchen Kriterien die Förster uns die Jäger für die Pirschbezirke vorschlagen. Wenn die Reviere bundesweit öffentlich ausgeschrieben werden, gibt es kein Gemauschel“, so Müller-Freitag. In den Pachtverträgen will seine Fraktion durch strenge Auflagen festlegen, dass die Wilddichte in vertretbarem Rahmen bleibt. In dieser Hinsicht seien die alten Verträge zu vage abgefasst gewesen.

Horst-Karl Dengel, Chef der Regionalforstamtes in Nettersheim, betreut seit kurzem auch den Münstereifeler Stadtwald, nachdem die Kommune ihr eigenes Forstamt aufgelöst hatte. Er erklärte auf Anfrage, dass die Pirschbezirke in der Tat ein wirkungsvolles Mittel gegen zu viel Wild im Wald seien. Die Forstbehörde behalte auf diese Weise die Kontrolle über die Abschüsse, was bei einem über neun Jahre laufenden Pachtvertrag nicht gewährleistet sei. „Ich habe mich mit dem Thema aber noch nicht intensiv beschäftigt. Wenn wir als Behörde gefragt werden, geben wir sicherlich eine Stellungnahme ab“, so Dengel.

Vor einer endgültigen Entscheidung will die CDU auch noch einen Experten wie Dr. Michael Petrak, den Leiter der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung in Bonn, um dessen Meinung bitten.

Aber lassen wir die Jäger der Pirschbezirke noch einmal zu Wort kommen: „Uns hat die Jagd im Stadtwald Spaß gemacht. Gleichzeitig haben wir durch nachhaltige und ökosystemgerechte Bejagung einen Beitrag zum Ausgleich zwischen Wald und Wild leisten können. Wir würden bedauern, wenn dies wieder von einer feudalähnlichen Jagd abgelöst würde, die auf Kosten des Waldes Massen an Wild durch Fütterung heranzieht, mit dem Ziel starker Hirschtrophäen und hoher Strecken auf repräsentativen Gesellschaftsjagden.“

1 Kommentare:

doclipps hat gesagt…

Stefan,
das ist eine nicht neue aber gute und vor allem rechtlich völlig einwandfreie Bejagungsmethode grosser Jagdreviere, die sich auch für gemeinschaftliche Jagdbezirke, nicht nur für Eigenjagden (wie im Beispiel) eignet. Voraussetzung ist natürlich eine vernünftige Homogenität der einzelnen Pirschbezirke und ein vernünftiger Abschussplan des Gesamtrevieres, bei Rotwild möglichst noch im Rahmen einer grösseren Hegegemeinschaft mit Gruppenabschüssen, damit innerhalb des Reviers und durch die Pirschbezirke untereinander gleich noch eine Art Hegegemeinschaft entsteht.
Das nimmt viel Krach aus den Revieren und fördert die weidgerechte Erfüllung weidgerechter Abschusspläne.

Gruss und Weidmannsheil
Wolfgang Lipps
JUN.i Institut für Jagd Umwelt und Naturschutz