9.2.12

Wald-Wild-Forum 2012 - Forstwirtschaft hält unbeirrt am Grundsatz "Wald vor Wild" fest

Bereits die Überschrift verrät, dass das Wald-Wild-Forum 2012 in Göttingen keine wirklich neuen Erkenntnisse hervorbrachte. Trotzdem hat das Symposium gezeigt, welche Veränderungen auf die Jägerschaft zukommen. Um dies zu verdeutlichen, möchte ich als "verbandsloser Jäger" meine eigenen Eindrücke vom Besuch des Forums wiedergeben.

Interessant war weniger der Inhalt der Vorträge, sondern vielmehr die Zusammensetzung der Referenten. Zwar waren die Vortragenden in der Summe sehr "forstlastig", was darauf zurückzuführen ist, dass sich die Initiatoren des Symposiums aus den beiden Verbänden der Forstwirtschaft zusammensetzten. Hier erfuhr man tatsächlich wenig neue Fakten zum Thema Wald-Wild.

Von großer Bedeutung, auch für die etablierte Jägerschaft, waren hingegen die hochrangigen Referenten Frau Dr. Heidrun Heidecke in ihrer Funktion als Leitern für Naturschutzpolitik und -koordination beim Bund für Umwelt und Natur (BUND) und Frau Prof.Dr. Beate Jessel als Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz.
Sowohl der Bund für Umwelt und Naturschutz, als auch das Bundesamt für Naturschutz unterstützen die Jagd, weil sie für den Erhalt unserer Wälder notwendig ist. Dies war für mich erstaunlich, würde man doch vermuten, dass der BUND eher die Interessen der Jagdgegner unterstützen würde. Beide Referentinnen schränkten ihre Befürwortung jedoch in der Form ein, dass die Jagd ökologischen Zielen und somit ausschließlich dem Allgemeinwohl zu dienen hat.

Mit diesem Bekenntnis hat es die Forstwirtschaft geschafft, auch die Träger öffentlicher Belange aus dem Naturschutz für ihre Ideen des ökologischen Waldumbaus und den damit einhergehenden Bestandsreduzierung beim Schalenwild zu gewinnen. Für mich ist dies der Beweis, das diese Entwicklung unumkehrbar ist.

Das Symposium hat gezeigt, dass sich die Jagd im Wandel befindet. Immer mehr wird der Jäger zum Dienstleister der Grundbesitzer und der Allgemeinheit. Die Jagd wird sich in Zukuft immer mehr an ökologischen und somit gesamtgesellschaftlichen Interessen einerseits und betriebswirtschaftlichen Interessen der Eigentümer andererseits orientieren. Die einseitige Ausrichtung Jagd mit dem Hegeziel, hochwerige Trophäen zu erhalten, wird hingegen immer mehr schwinden.

Diesem dynamischen Veränderungsprozess im Jagdwesen müssen sich auch die Jagdverbände stellen. Dass dies nicht einfach ist, beweist die oft hochemmotionalen Diskussionen rund um das Thema. Dass die Jagdverbände zur Zeit keine treibende Kraft dieser Veränderung sind, sondern eher Getriebene, bewies der Vortrag von Herrn Helmut Dammann-Tamke, der in seiner Funktion als Präsidenten des Landesjagdverbandes Niedersachsen e.V. angereist war. Gebetsmühlenartig wiederholte er in seinem Vortrag den Willen zum Dialog. Über die Form und die Inhalte, wie der Wandel in der Jägerschaft zum Dienstleister vollzogen werden soll, um den Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden, schwieg er sich aus. Aber wie sagte Gorbatschow so schön über die Erstarrung in einen unumkehrbaren Wandel: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Doch die schärfsten Pessimisten, die bereits den Untergang unserer Jagdkultur befürchten, kann ich beruhigen. Nur 30% unserer jagdbaren Fläche sind reine Waldflächen der Forstwirtschaft. Selbst dem größten Pessimisten muss klar sein, dass die in der Forstwirtschaft eingeleiteten Bestandsregulierungen beim Schalenwild auf die restliche 70% jagdbare Fläche kaum Auswirkungen hat.
Doch auch außerhalb der Forstflächen droht den Jägern Ungemach. Überhöhte Schwarzwildbestände, die immense Schäden in der Landwirtschaft anrichten, fordern auch hier ein Umdenken in der Bejagung. Handlungsdruck erzeugt hier nicht der Förster, sondern der Landwirt. Verursacher ist nicht das pflanzenfressene Schalenwild, sondern das allesfressende Schwarzwild. Aber auch hier werden überhöhte Wildbestände zum Schaden der Grundbesitzer die Jägerschaft immer mehr in die Pflicht nehmen.

Fazit:
Die Zeiten, in denen sich die Jäger ausschließlich der Hege starker Trophäen widmen, gehen zu Ende. Die damit oft einhergehenden überhöhten Wildbestände werden von der Öffentlichkeit und den Grundbesitzern nicht länger hin genommen. Damit der Jäger seine Existenzberechtigung in der Gesellschaft behält, muss er sich als Dienstleister positioneren, der dem Allgemeinwohl und den Landnutzern und Waldbesitzern als Regulator überhöhter Wildbestände dient.

waidmannsheil

Euer

stefan

Leiter des Symposiums: Freiherr von der Goltz, Leiter Regionalforstamt Oberes Sauerland Begrüßung der Gäste

Liste der Referenten:

Dr. Carsten Leßner, Referatsleiter Jagd- und Forstwirtschaft beim Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft (MIL) des Landes Brandenburg
Vortrag 1: Positionspapier des deutschen Forstwirtschaftsrates e.V.
Vortrag 2: Wald und Wild in Einklang bringen

Helmut Dammann-Tamke (MdL), Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen e.V:
Vortrag : Mensch-Wald-Wild: Der Jäger als Partner

Ludwig Huber, Mitglied der Waldbesitzervereinigung Landshut
Vortrag :Auch der private Waldbesitzer als Inhaber des Jagdrechts sagt, wo´s lang geht

Dr.Gerrit Bub, Leiter des Briloner Stadtforstes
Vortrag: Der Kommunalwald zwischen Vorbild und Ertrag


Forstpräsident Meinrad Joos, Geschäftsführer, ForstBW
Vortrag: Wo ein Wille, da ein Weg

Peter Lohner, Bundesministerium für Ernährung Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV)

Dr. Ing. Jean Emmanuel Bakaba Bereichsleiter Unfallforschung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.
Vortrag: Volkswirtschaftliche Kosten und Maßnahmen zur Reduzierung von Wildunfällen

Professor Dr. Thomas Knoke,Leiter des Fachbereichs für Waldinventur nachhaltige Nutzung an der TU München
Vortrag: Stabilitätsrisiko des Waldes durch Entmischung

Professor Dr. Michael Müller, Professor für Forstschutz an der TU Dresden
Vortrag: Zielorientierte Jagd im Wald

Dr.Torsten Vor,
Abteilung Waldbau und Waldökologie der gemäßigten Zonen an der Universität Göttingen,
Vortrag: Fütterung und Kirrung auf dem Prüfstand

Dr. Heidrun Heidecke,Leiterin Naturschutzpolitik und -koordination beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND)
Vortrag: Warum setzt sich ein Naturschutzverband für angepasste Wildbestände ein?

Professor Dr. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfU)
Vortrag: Ausgleich Wald-Wild - eine gesellschaftliche Aufgabe der Nachhaltigkeit

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es spricht vieles dafür, daß die beschriebene Entwicklung "der Jäger als Dienstleister des Grundbesitzes" auf uns zu kommt. Die dabei entscheidende Frage ist jedoch: Zu welchem Preis ? Eine Dienstleistung beinhaltet regelmmäßig eine Gegenleistung. Das würde bedeuten, daß Jäger, die nicht mehr nach eigenen Hegezielen jagen können, zukünftig nicht nur keine Pacht für ihre Dienstleistung bezahlen, sondern dafür entlohnt werden, daß sie das Wildtiermanagement für den Grundstückeigentümer übernehmen. Doch bei diesem Gedanken haben wir die Rechnung ohne die Jäger gemacht: die werden diese Entwicklung dadurch verhindern, daß sie sich auch unter den neuen Umständen noch gegenseitig die Pacht mit Höchstbietungen streitig machen........

HvR hat gesagt…

Das Wildmanagement - wie es ehrlicherweise inzwischen genannt wird, denn mit Jagd im tradierten Sinn ist es nicht mehr vergleichbar - ist im Forstbereich durch die Jägerschaft nicht zu beeinflussen. Für den Agrarbereich vertraue ich langfristig auf das Selbstregulativ der Marktwirtschaft. Flächen mit hohem Schadenpotenzial (z.B. Maismonokulturen für Biogasanlagen)und Flächen auf denen das Wild durch Chemikalien , durch Düngung mit Biogasanlagenabfall und den Einsatz von Mega-Erntemaschinen als "Lateralschaden" auf dem Acker - nicht auf der Strecke - bleibt, werden nicht mehr verpachtbar sein. Und dann wird vielleicht auch die Landwirtschaft umdenken.
Gekniffen sind die jetzigen Pächter, die den derzeitigen Wandel mit langfristigen Pachtverträgen durchstehen müssen.